Diabetes Dialog 1/2020


In Zeiten von Covid-19 über digitale Versorgungsangebote Menschen mit Diabetes im Blick behalten

Noch nie stand das Gesundheitswesen so stark im Fokus wie in diesen Wochen. Die Corona-Pandemie überschattet in diesen Tagen alles und es ist davon auszugehen, dass uns die Folgen der Covid-19-Pandemie auch in den nächsten Jahren noch begleiten werden. Gerade in diesen ersten Monaten der Pandemie helfen uns aktuelle Forschungen beim Verständnis von Covid-19 und zeigen auf, worauf es insbesondere zu achten gilt. So deuten etwa Daten einer Analyse des National Health Service (NHS) aus Großbritannien an, dass bei Diabetes das Risiko für schwere Covid-19-Verläufe deutlich erhöht sein könnte.1 Eine weitere französische Studie weist ebenfalls auf die besondere Gefährdung von Menschen mit Diabetes hin.2

Zugleich schärft die aktuelle Lage auch den Blick auf die Digitalisierung des Gesundheitswesens, auf aktuelle Hürden und neue Potenziale. Es gilt jetzt, wichtige Weichen zur Versorgung von Patienten, insbesondere auch in Pandemie-Zeiten, zu stellen und dabei die Möglichkeiten der Digitalisierung im Gesundheitswesen deutlicher als bisher mit einzubinden.

Wir müssen die Möglichkeiten der Fernbehandlung stärker nutzen
In seiner Kommunikation vom 27. April 2020 hat der Virchowbund, Verband der niedergelassenen Ärzte, vor den Folgen ausbleibender Behandlungen und Kontrollen gemahnt – insbesondere für Patienten mit chronischen Erkrankungen. Verschleppte Krankheiten und entfallene Vorsorgeuntersuchungen bergen die Gefahr schwerwiegender Folgen. Diese in der Zwischenzeit von verschiedenen Ärzte- und Patientenvertretern geäußerte Besorgnis teilen wir insbesondere auch mit Blick auf die betroffenen Diabetes-Patienten. Sie sind in diesen Tagen sowohl durch ihre eigene Erkrankung und die Folgeschäden einer nicht adäquaten Behandlung als auch durch die potenziellen Folgen einer Covid-19-Erkrankung im Besonderen gefährdet.

Aus Furcht vor einer möglichen Ansteckung verschieben Patienten gegenwärtig oft vereinbarte Termine in der Praxis und suchen auch bei Beschwerden nicht oder erst spät den Kontakt zu ihrem Arzt. Damit fällt der gerade jetzt so wichtige persönliche Austausch mit dem Diabetes-Team weg. Denn neben dem klassischen Therapiegespräch können Behandler auch hilfreiche Orientierung für den Alltag in Corona-Zeiten bieten. Der Schutz von Hochrisikopatienten durch reduzierte soziale Kontakte, Hilfe bei Einkäufen oder beim Apothekengang darf nicht zulasten einer guten Kontrolle des Blutzuckers gehen. Ein Austausch via Telefon oder Video, gestützt durch eine übersichtliche Zusammenstellung von Glukosedaten aus einer App, kann hier eine ortsunabhängige Lösung bieten. So leisten regelmäßige telemedizinische Kontrollen des Blutzuckerspiegels mit den damit verbundenen Beratungsgesprächen einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsversorgung von Diabetes-Patienten. Ergänzt durch die Daten aus der App können Behandler so Hinweise zur Blutzuckereinstellung geben und vor dem Hintergrund bekannter Komorbiditäten, wie z. B. Herz-Kreislauf-Beschwerden, entsprechende Maßnahmen anstoßen, um das Risiko schwerwiegender Folgen zu verringern.

Nutzungsvergütung für Softwarelösungen für Leistungserbringende als nächster Schritt
Die Initiativen rund um das Digitale-Versorgung-Gesetz geben vor diesem Hintergrund wichtige – und aus unserer Sicht richtige – Impulse, um die Akzeptanz von digitalen Versorgungsangeboten in der Hand der Patienten zu erhöhen. Damit einhergehend sollte nun auch eine zeitnahe Aufnahme digitaler Versorgungsangebote in die Regelversorgung erfolgen, um Leistungserbringenden eine adäquate Vergütung zu bieten.

Behandler empfinden die Auswertung von Daten, zum Beispiel aus Glukosemessgeräten, aktuell oft noch als Zusatzaufwand. Dies hat vielfach zur Folge, dass für die individuelle Therapieentscheidung nur auf analoge Diabetestagebücher zurückgegriffen wird, deren Datenqualität und -vollständigkeit von Fall zu Fall erheblich schwanken kann.

Durch die Nutzungsvergütung von Softwarelösungen würde in den Praxen der nächste Schritt zu einer digitalen und damit bestmöglichen Versorgung unterstützt. Bei der Ausgestaltung zukünftiger Gesetzesvorhaben und Rechtsverordnungen sollten digitale Lösungen, die in der Anwendung durch Behandelnde zu einem nachgewiesenen Nutzen wie z. B. einer Verbesserung der Therapieadhärenz oder zu Effizienzsteigerung von Versorgungsprozessen führen, dementsprechend Beachtung finden.

Hilfestellungen für die Umsetzung in den Arztpraxen
Die aktuelle Situation fordert Behandlern und ihren Teams viel ab: Neben der Einhaltung der Hygienevorschriften und Vergütungseinbußen sollen sie im laufenden Betrieb die Herausforderungen der dringlichen Digitalisierung mit ihren Datenschutzvorgaben und den Anpassungen der Praxisprozesse bewältigen. Die Einführung und Anwendung digitaler Lösungen sowie der Umgang mit dabei auftretenden Problemen muss dabei “on the job” erfolgen. Dieses Zusammenspiel aus Herausforderungen kann Praxen schnell an ihre Grenzen bringen – und erfordert deshalb eine aktive Unterstützung, um die digitalen Ansätze erfolgreich zu implementieren. Wir freuen uns sehr, am Pilotprojekt Zukunft Digitale Gesundheitsversorgung teilnehmen zu dürfen, das zum 01.07.2020 in Berlin startet und für die Dauer von 12 Monaten die Anwendung von Diabetes-Apps in ausgewählten Berliner Diabetespraxen begleitet und evaluiert. Hieraus werden sich sicherlich konkrete Hebel für die aktive Unterstützung der Praxen ergeben.

Wir würden uns freuen, diese Überlegungen und unsere Erfahrungen, insbesondere auch aus den letzten Wochen, im persönlichen Austausch zu vertiefen. Lassen Sie uns gemeinsam Lösungswege skizzieren, wie wir in unserem Gesundheitswesen das Potenzial digitaler Anwendungen voll ausschöpfen können. Wir sehen die sich rasant verändernden Vorzeichen während der Covid-19-Pandemie als Chance zur weiteren Verbesserung der Versorgung von Menschen mit Diabetes.

Referenzen:

  1. National Health System, online unter: https://www.england.nhs.uk/publication/type-1-and-type-2-diabetes-and-covid-19-related-mortality-in-england/
  2. Cariou, B., Hadjadj, S., Wargny, M. et al., Diabetologia (2020) https://doi.org/10.1007/s00125-020-05180-x