Diabetes Dialog 3/2020


Die Digitalisierung des Gesundheitswesens bleibt eine dauerhafte Aufgabe

Hinter uns allen liegt ein Jahr, wie es uns vor 12 Monaten kaum vorstellbar erschien. Viele Vorsätze und Pläne mussten zwangsläufig Corona-bedingt abgesagt, ver- oder aufgeschoben werden. Aber zugleich zeichnet sich das Jahr 2020 auch dadurch aus, dass vieles voranging. Zu diesen positiven Seiten gehört ganz sicherlich das Tempo und die Beharrlichkeit, mit der die Digitalisierung des Gesundheitswesens in Deutschland weiter vorangetrieben wird.

Neue Eckpfeiler setzen mit dem dritten Digitalisierungsgesetz
Kurz vor Jahresschluss liegt bereits auch schon der Referentenentwurf für das Gesetz zur digitalen Modernisierung von Versorgung und Pflege (DVPMG) vor. Diese fortlaufende Entwicklung der Rahmenbedingungen in Deutschland begrüßen wir sehr, sind aber zugleich überzeugt davon, dass die Digitalisierung des Gesundheitswesens auch weiterhin eine dauerhafte Herausforderung und Aufgabe bleibt.

So sollten digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) unserer Ansicht nach nur als ein erster Schritt zu einer integrierten, digital unterstützten Gesamtversorgung von Patientinnen und Patienten gesehen werden. Sie können etwa Behandlerinnen und Behandler von administrativen Arbeiten entlasten, so dass diese sich auf die wesentlichen Elemente ihres Heilberufes konzentrieren können. Patienten können so auch zwischen den Praxisbesuchen bzw. nach Krankenhausaufenthalten im Lebensalltag ohne großen Aufwand in der Umsetzung ihrer Therapie begleitet werden. Der Schwerpunkt digitaler Gesundheitsanwendungen sollte deshalb auf digitalen Technologien liegen, die sowohl Patienten als auch Behandler unterstützen.

Es ist ein wichtiger Schritt, dass digitale Anwendungen in der Hand des Patienten nun auf breiter Basis vergütet werden. Allerdings sollte diese Vergütung auch auf den Behandlerbereich angewendet und darüber hinaus die Beschränkung der DiGA auf die zwingende Nutzung durch Patienten aufgehoben werden. Damit würden auch digitale Instrumente wie Messengerdienste zwischen vom Arzt/Facharzt genutzten Therapiemanagement-Software-Lösungen bzw. das Thema Arztbrief, aber auch die Anbindung an die ePA einbezogen werden.

Warum ist die Einbindung der Behandlerseite so wichtig? Neben den positiven Versorgungseffekten, die eine DiGA schon heute alleine aus der Anwendung in der Hand des Patienten leisten muss, kommt ein weiterer signifikanter Mehrwert für die Behandlung einer Krankheit aus der Therapiesteuerung durch Patienten und Arzt. Wenn beide Seiten über die DiGA schneller entscheidungsrelevante Daten zur Verfügung haben, kann die DiGA über ihre Nutzung durch den Patienten hinaus die Grundlage für ein effektives Arzt-Patientengespräch bilden. Gleiches gilt für die schnelle Abstimmung der Behandler untereinander, um eine durchgängige Therapie durch mehrere Ärzte zu gewährleisten.

Viele weitere Ansatzpunkte warten darüber hinaus darauf, in Angriff genommen zu werden, wenn wir die vollen Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen wollen. Zukünftig werden beispielsweise zahlreiche digitale Lösungen gemäß der Medizinprodukte-Verordnung (MDR) eher den Risikoklassen IIb beziehungsweise III zugeordnet werden. Demnach können diese nicht als DiGA den Fast-Track-Prozess durchlaufen. Da gegenwärtig ein alternativ geeignetes Bewertungs- und Erstattungsverfahren nicht zur Verfügung steht, sollte deshalb etwa erwogen werden, eine Erweiterung des DiGA-Fast-Track-Verfahrens auf Medizinprodukte der Risikoklasse IIb beziehungsweise III zu ermöglichen. So sind z.B. über Selektivverträge bereits jetzt Apps höherer Risikoklassen in der Anwendung beim Patienten

Die offenen Fragestellungen ließen sich weiter fortführen: Wie etwa kann man mit der Bewertung mehrerer verbundener Medizinprodukte als einer DiGA umgehen? Wie kann man die Klassifizierung des positiven Versorgungseffektes einer DiGA konkretisieren? Welche sinnvollen Regelungen sind zum Umgang mit dem Schrems II-Urteil bezüglich des Datenschutzschild-Abkommens zwischen EU und Nicht-EU-Staaten zu treffen? Es wird nie möglich sein, alle offenen Baustellen flächendeckend mit einem Mal zu schließen. Umso wichtiger ist es allerdings, sich fortlaufend bewusst zu machen, dass diese existieren und angegangen werden müssen.

Gemeinsam die Digitalisierung des Gesundheitswesens weiter vorantreiben
Die vielen noch offenen Fragestellungen deuten bereits an, vor welch großen Aufgaben alle Beteiligten stehen, wenn die Digitalisierung des Gesundheitswesens in der Fläche gelingen soll. Seit Jahren haben wir als Unternehmen es uns zum Ziel gesetzt, die digitalen Möglichkeiten für Menschen mit Diabetes greifbar und erlebbar zu machen und konkret umzusetzen. Diesen Weg setzen wir kontinuierlich fort. Wir blicken also nach einem ereignisreichen Jahr 2020 voller Spannung auf ein wohl nicht minder interessantes 2021, das durch die Bundestagswahl auch für die politischen Weichenstellungen entscheidend sein wird.