Diabetes Dialog Ausgabe 01/2017


Zukunft einer digitalen Diabetesversorgung – Rückblick auf das Parlamentarische Frühstück

> Großes Potential durch Digitalisierung
> Vertrauen als Schlüsselaspekt der Digitalisierung

Am 9. März 2017 lud Roche Diabetes Care Deutschland unter der Schirmherrschaft von Herrn Dietrich Monstadt, MdB zum Parlamentarischen Frühstück.

Im Rahmen der Veranstaltung wurde erneut von allen Referenten und Diskutanten herausgestellt, dass die Volkskrankheit Diabetes unsere Gesellschaft und unser Gesundheitssystem vor bedeutende Herausforderungen stellt. Die Anzahl der Betroffenen, die unmittelbaren Folgen für die Erkrankten als auch die Auswirkungen auf die sozialen Sicherungssysteme sprechen hier eine deutliche Sprache. Übereinkunft herrschte, dass die Digitalisierung im Gesundheitswesen und natürlich auch in der Diabetesversorgung eine Schlüsselrolle einnehmen wird. In der Diskussion wurde deutlich, dass Diabetologen, Fachgesellschaft, Patientenvertreter und Krankenkassen aktiv die digitale Transformation angehen müssen, aber in einigen wichtigen Punkten auf Entscheidungen der Politik angewiesen sind. Große Hoffnung besteht, dass die Digitalisierung im Gesundheitswesen als gesellschaftspolitische Debatte nicht untergeht in der Vielzahl der politischen Themen im bundesrepublikanischen Wahlkampf, der uns allen jetzt bevorsteht.

Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion beim Parlamentarischen Frühstück von Roche Diabetes Care am 9. März von links nach rechts:
Dr. Thomas Solbach (PricewaterhouseCoopers), Dr. Thorsten Thaysen (Siemens Betriebskrankenkasse), Dr. Sandra Schlüter (niedergelassene Diabetologin), Lars Kalfhaus (Roche Diabetes Care Deutschland GmbH), Prof. Dr. Dirk Müller-Wieland (designierter Präsident Deutsche Diabetes Gesellschaft), Dietrich Monstadt (MdB).
Foto: Christian Kruppa


Großes Potential durch Digitalisierung

Referenten und Teilnehmer der Podiumsdiskussion betonten, dass mit der Digitalisierung einerseits eine Transformation, andererseits auch ein Quantensprung in der Gesundheitsbranche bevorsteht. Diabetes-Management-Programme erlauben durch die Visualisierung und Analyse von Blutzuckerverlaufs-Daten im gemeinsamen Gespräch zwischen Arzt und Patient besser als bisher, Konsequenzen aus den erhobenen Daten für eine Therapieänderung zu ziehen. Die Chancen, die Diabetestechnologie und Digitalisierung bieten, sind vor allem messbare Qualitätssteigerung und bessere Effizienz.

Die Digitalisierung kann auch bei grundsätzlichen Herausforderungen im Gesundheitswesen Entlastung bieten. Bei einer steigenden Zahl an Diabetikern in Deutschland und einer zugleich sinkenden Anzahl an Diabetologen werde etwa die flächendeckende Grundversorgung von Diabetikern immer schwieriger. Die Digitalisierung biete mit einer papierlosen und digitalen Arztpraxis großes Potential. Hierbei müsse allerdings ein zielführender Dialog zwischen allen Akteuren stattfinden (Politik, Ärzte, Krankenkassen etc.), um die Digitalisierung, speziell die Telemedizin, weiterzuentwickeln. Vor allem auf die Diabetologen kommt viel Arbeit zu. Sie erarbeiten in den nächsten Monaten Konzepte für digitale Behandlungsstandards, neue, auch digitale Aus- und Weiterbildungscurricula und versuchen, einen einheitlichen Datenstandard zu definieren. An einem bestimmten Punkt sind sie allerdings auf die Entscheidungen der Politik angewiesen, denn diese setzt die Rahmenbedingungen.


Vertrauen als Schlüsselaspekt der Digitalisierung

Wie sehen diese nun für eine digitalisierte Diabetesversorgung aus? Diabetes mellitus mit den hohen Betroffenenzahlen, der großen Anzahl von älteren Menschen und zum Teil schweren Folge- und Begleiterkrankungen kann sogar eine Vorreiterrolle spielen für andere Indikationen. Dabei ist Vertrauen ein Schlüsselaspekt für die Digitalisierung, Vertrauen in die Datensicherheit an allererster Stelle. Weder ist dieses Vertrauen heute bei den Patienten vorhanden noch bei den Ärzten, sogar nicht bei denjenigen, die gern mehr digital arbeiten möchten. Der Appell an die Politik lautet deshalb, zuverlässige juristische Rahmenbedingungen zu schaffen, um einerseits sensible Patientendaten zu schützen, andererseits aber auch den notwendigen Datentransfer zwischen den Sektoren, vor allem vom Arzt zum Patient hin, zu ermöglichen. Auch die Forschung braucht einen sicheren Rechtsrahmen für Big-Data- und Genforschung. Ohne diesen wäre auch die von Politikern so dringend geforderte Versorgungsforschung nicht denkbar. Nicht zuletzt ist der zügige Breitbandausbau die Voraussetzung für Telemedizin und Datenübertragung auch im ländlichen Raum, von der gerade ältere Menschen mit Diabetes besonders profitieren würden. Die Teilnehmer des parlamentarischen Frühstücks wünschten sich mehr Aufmerksamkeit und Gestaltungswillen von der Politik, damit die großen Chancen der Digitalisierung den Patienten in Deutschland nicht länger vorenthalten werden.

So kann schließlich ein Paradigmen-Shift von einer retrospektiven, korrigierenden Herangehensweise an den Diabetes hin zu einer prospektiven stattfinden. Diese steigert dann die Qualität im Gesundheitswesen, nicht nur mit einer effektiveren Prävention, sondern auch durch den notwendigen Umbau der ärztlichen Honorierung weg von der Prozess-Vergütung hin zu einem Outcome-orientierten System. Dann ließe sich der Erfolg einer Therapie messen und schlechtere Qualität würde nur noch abgestuft bezahlt. Dies lenkt den Blick weg von isolierten Leistungen und Produkten hin zu integrativen Problemlösungen und damit auch zu einer mehr am Patientenwohl orientierten Gesundheitspolitik, die mehr Anreize als bisher anbieten müsste, um die Digitalisierung zu fördern und auf mehr Effizienz und Qualität zu setzen.