Diabetes Dialog Ausgabe 03/2016


eHealth-Angebote erfolgreich in den Patienten- und Praxisalltag überführen

> Patienten und Behandler wünschen sich effiziente Lösungen
> Welche Hürden bremsen aktuell noch die Digitalisierung im Gesundheitswesen?
> Politische Entwicklungen dürfen nicht hinterherhinken

Am Thema eHealth kommt man aktuell im politischen Berlin nicht vorbei. Zahlreiche Veranstaltungen widmen sich dem Thema und möglichen Zukunftsperspektiven, viel wird bereits über weitere legislative Rahmenbedingungen diskutiert und aktuelle Studien und Umfragen treiben die Debatten voran. Die Diskussionen geben auch einen Überblick darüber, welche Hürden der Digitalisierung des Gesundheitswesens im Weg stehen, damit diese Patienten und Behandler im Alltag erreichen kann. Es gilt, zentrale Impulse aufzunehmen und gemeinsam an der zielgerichteten Umsetzung erfolgversprechender Ideen zu arbeiten, damit Deutschlands Gesundheitssystem fit für die Zukunft wird.


Patienten und Behandler wünschen sich effiziente Lösungen

160913-folie-6-telemedizin-pressegrafik

Die Ergebnisse der im September vorgestellten repräsentativen Erhebung des Bitkom Digitalverbands zeigen auf, dass fast 60 % der Deutschen bereits offen für Behandlungsmethoden der Telemedizin sind, 20 % würden „auf jeden Fall“ eine telemedizinische Überwachung im Krankheitsfall in Anspruch nehmen.1 Der Sachverständigenrat für Verbraucherfragen prognostizierte Anfang des Jahres darüber hinaus einen Bedeutungsverlust von nicht-digitalen Medien bei der Beschaffung gesundheitsrelevanter Informationen.2 Laut einer Verbraucherbefragung im Auftrag des BMJV nutzt bereits jeder fünfte Deutsche Gesundheits-Apps, ein Drittel davon zur aktiven medizinischen Überwachung.3

Umfrageergebnisse auf Seiten der Behandler unterstützen diese Erkenntnisse und zeigen auf, dass die Digitalisierung auf einer praktischen Ebene bereits Einzug in den Behandlungsalltag hält. Laut einer Umfrage des Ärztenachrichtendienstes änd wurden knapp die Hälfte der niedergelassenen Ärzte bereits von Patienten mit digitalen Gesundheitsdaten konfrontiert. Die Ergebnisse der Befragung zeigen ebenfalls auf, dass 97 Prozent der Mediziner damit rechnen, dass die Nutzerzahlen von Gesundheits-Apps in den nächsten Jahren stark steigen werden. Hier werden klare Regelungen und eine Komplexitätsreduzierung gewünscht: So möchten 55 Prozent der befragten Ärzte eine Art Qualitätssiegel, das den Patienten die Auswahl sinnvoller Apps erleichtert.4


Welche Hürden bremsen aktuell noch die Digitalisierung im Gesundheitswesen?

Jüngst hat die Bertelsmann Stiftung in einer Studie5 die Hindernisse analysiert, warum es noch nicht gelingt, systematisch innovative Anwendungen zu identifizieren und in die Gesundheitsversorgung zu überführen. Die sechs zentralen Hürden verdeutlichen den drängenden Handlungsbedarf, durch klare Regulierung diesen Übergang zu erleichtern. Als zentralen Erklärungsansatz sieht die Bertelsmann Stiftung die Andersartigkeit von Digital-Health-Anwendungen im Vergleich zu anderen Innovationen wie Arzneimitteln oder Medizinprodukten.

csm_823376732modell_transfer_dh-anwendungen_versorgungsalltag_huerden_rangfolge_0838fd2b9e

Digital-Health-Anwendungen sind häufig weder eine Prozess- noch eine Produktinnovation, sondern eher als „Lösung“ zu beschreiben. Auf solche Ansätze ist unser Gesundheitssystem allerdings aktuell noch nicht ausgelegt. Dabei drängt die Zeit, diese Hürden zeitnah und verlässlich zu beseitigen, damit entsprechende Lösungen auch in Deutschland innerhalb eines klar definierten Rahmens Patienten und Behandlern zur Verfügung stehen.

Die Chancen der Telemedizin für die Gesellschaft sind enorm. Wissenschaft und Forschung, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft haben es noch nicht geschafft, das volle Potenzial zu artikulieren. Aktuelle Studien zeigen auf, dass die Bevölkerung offen und bereit für diese neuen Ansätze ist, politische Initiativen wie die „Strategie Digitales Hessen“ erkennen das gesellschaftliche und wirtschaftliche Gewicht der Digitalisierung und werden durch Innovationsprojekte die intra- und intersektoralen Innovationsprojekte vorantreiben.


Politische Entwicklungen dürfen nicht hinterherhinken

Vor diesem drängenden Handlungsbedarf begrüßt Roche Diabetes Care die von der Gesundheitsministerkonferenz aufgestellte Forderung, stärker die Verbesserung der Versorgung und der Versorgungsprozesse beim Thema eHealth in den Mittelpunkt zu stellen. In der Tat sollte vor allem der Nutzer von Beginn an in den Fokus der Entwicklung gestellt werden. Die angestrebten Maßnahmen zur Verbesserung der Vergütungsfähigkeit der Anwendungen, u. a. differenzierte methodische Mindestanforderungen für die Bewertung der Vergütungsfähigkeit sowie Vorhaben zur Verbesserung der Sicherheit und Transparenz von Gesundheits-Apps weisen in die richtige Richtung. Es gilt nun, diese sehr positiven Ansätze mit den Erfahrungen aus dem Behandlungsalltag in Einklang zu bringen und Rahmenbedingungen zu schaffen, die diesen Zielen Rechnung tragen: Ein Nachfolgegesetz zum eHealth-Gesetz sollte etwa zeitnah konkrete Lösungen und Anreize für den bereits aufgedeckten Handlungsbedarf gesetzlich verankern und Planungssicherheit mit sich bringen. Zugleich brauchen wir eine Regulierung für den Bereich der Gesundheits-Apps, die sich nicht strikt an der Medizinprodukteregulierung orientiert, da diese für neue Behandlungsangebote zu kurz greift. Der von Gesundheitsminister Gröhe angesprochene Fachdialog um gemeinsam Standards zu entwickeln stellt eine schnell umsetzbare Initiative dar.

Roche Diabetes Care will sich auf diesem Weg weiterhin in gewohnter Form einbringen und durch eigene Erfahrungen aus zahlreichen Pilotprojekten, laufenden Studien sowie eigenen Ideen für die zukünftige Ausgestaltung der digitalen Diabetesversorgung seinen Beitrag in den Diskussionen leisten.

1. Bitkom (2016): Telemedizin trifft auf großes Interesse
2. SVRV (2016): Digitale Welt und Gesundheit: S.13
3. BMJV (2016): Wearables und Gesundheits-Apps
4. Ärztenachrichtendienst Verlags-AG (änd): «Das denken Ärzte über Gesundheits-Apps», 29.03.2016
5. Bertelsmann Stiftung (2016): Transfer von Digital-Health-Anwendungen in den Versorgungsalltag