Diabetes Dialog Ausgabe 04/2016


#Morgen – Digitalisierung in der Diabetesversorgung

Ein spürbar anwachsender Handlungsbedarf herrscht bereits auf den unterschiedlichen Ebenen im Gesundheitswesen in Sachen Digitalisierung. Die am stärksten betroffene Patientengruppe der unter ihren Möglichkeiten verlaufenden Entwicklung im Bereich der Digitalisierung ist die der chronisch Kranken. In Deutschland stellt diese Bevölkerungsgruppe 40,8 % der Gesamtpopulation über 18 Jahren dar.1 Eine der verbreitetsten Volkskrankheiten ist und bleibt in den kommenden Jahrzehnten Diabetes mellitus. Vor diesem Hintergrund hat Roche Diabetes Care die Veranstaltung #Morgen ins Leben gerufen. Nach dem großen Erfolg des ersten Zukunftsworkshops 2015 fand am 26. November die Neuauflage in Berlin statt. Das Expertenforum hat zum zweiten Mal in Folge Key-Opinion-Leader aus den Bereichen der Leistungserbringung, Leistungsfinanzierung, Politik, Forschung und Wirtschaft zusammengebracht, um branchenübergreifend und multi-perspektivisch über die Trends in der Diabetesversorgung zu beraten, diese zu analysieren und kritisch zu diskutieren.

Teilnehmer des Zukunftsworkshops (von links): Tino Sorge MdB, Dr. Thorsten Thaysen (Siemens Betriebskrankenkassen) und Dr. Hansjörg Mühlen (Vorstandsmitglied des Bundesverbands niedergelassener Diabetologen)

Internationale Benchmarks zeigten auf, dass eHealth-Projekte bereits weltweit Erfolgsgeschichten schreiben. Anhand von Initiativen in Nachbarländern wie Österreich, der Schweiz oder Dänemark wurde verdeutlicht, dass deutsche Ansätze noch am Anfang einer vielversprechenden Entwicklung stehen. Wie Digitalisierung in die Praxen gelangen und letztlich eine verbesserte Versorgung sicherstellen kann, wurde durch die Visionen aus der Hausarzt-, der Schwerpunktpraxis- und der Klinikperspektive diskutiert. Eine funktionierende Infrastruktur, die schnelle Kommunikation zwischen Arzt und Patienten sowie die Kommunikation zwischen Haus-, Facharzt- und Klinikebene seien dabei essenzielle Grundlagen, um die Diabetologie für die Zukunft strategisch aufzustellen. Eine valide Datenübertragung in Echtzeit sei bei derzeitigen langsamen Internetleitungen nicht möglich. Die fehlende Interoperabilität der einzelnen Systeme und die damit einhergehende fehlende Standardisierung mache es den ÄrztInnen vor allem in komplexen Institutionen wie einer Klinik unmöglich, das Potential der Daten annäherungsweise zu nutzen. Das Arzt-Patienten-Verhältnis und die Arzt-Patienten-Kommunikation würden sich zudem vor dem Hintergrund der Digitalisierung wandeln. Dies sei ein unausweichlicher Prozess, mit dem man wachsen und diesen mit den Patienten zusammen gestalten müsse. Sprechende Medizin müsse mehr Wert bei der Vergütung erhalten, da das Zuhören und das Sprechen mit den Patienten den Großteil der nachhaltigen diabetologischen Behandlung darstellten. Diplom-Medizinerin Ingrid Dänschel, stellvertretende Vorsitzende des deutschen Hausärzteverbands, fasste die komplexe Situation zusammen: „Wir haben kein technisches Problem, wir haben ein regulatorisches Problem.“

Prof. Dr. Müller-Wieland – zukünftiger Präsident der Deutschen Diabetesgesellschaft – stellte fest, dass die Behandlungsstandards der neuerlichen Entwicklung angeglichen werden müssten, wofür sich die Fachgesellschaft stark machen werde. Die Digitalisierung der Diabetesversorgung müsse Standard werden und stelle eine interdisziplinäre Aufgabe dar, die nicht isoliert in der Ärzteschaft, den Krankenkassen, der Forschung, Politik oder Privatwirtschaft betrachtet werden dürfe. „Innovationen müssen zügig umgesetzt werden. Daher gilt es, Hemmnisse abzubauen, z.B. in den Landesdatenschutzgesetzen, aber auch bezüglich der diffusen Skepsis vor der Anwendung sinnvoller digitaler Behandlungsmethoden“, stellte Tino Sorge, MdB, Mitglied im Gesundheitsausschuss und Berichterstatter für Gesundheitswirtschaft und Gesundheitsforschung für die CDU/CSU-Bundestagsfraktion, fest. Globale Player wie Google und Apple – deren Kapital vor allem Datensammlungen darstellen – sind bereits auf diesem Gebiet aktiv, erörterte Dr. Thorsten May, stellvertretender Abteilungsleiter am Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung. Würden die Innovationshemmnisse in Deutschland nicht abgebaut und ein Datenschutz mit Zukunftsperspektive etabliert werden, würden sich deutsche Patienten mit Angeboten aus dem Ausland konfrontiert sehen und diese auch nutzen, ohne dass deren Daten in Deutschland blieben und der deutschen Rechtsprechung entzogen würden. Diese Gefahr wurde auch von Tino Sorge identifiziert. In diesem Falle könne die Politik nur noch reagieren anstatt proaktiv zu agieren, fasste er zusammen.

Hören die Visionen aus der diabetologischen Praxisperspektive von Dr. Sandra Schlüter, von links: Dr. Thorsten May (Fraunhofer IGD), Dr. Ralph Ziegler (niedergelassener Diabetologe)

Eine nachhaltig verbesserte Patientenversorgung wäre nur einer der vielen Vorteile, die sich aus einer nachhaltigen Digitalisierungsoffensive im Gesundheitswesen ergeben würden. Das momentane Vergütungssystem könne durch eine analytische Auswertung von Patientendaten und der daraus abgeleiteten personalisierten, sprechenden Medizin nachhaltig optimiert werden und so langfristig Behandlungskosten senken. „Momentan vergüten wir die Inputfaktoren, sollten wir nicht aber viel stärker den Outcome vergüten?“, merkte Lars Kalfhaus, Geschäftsführer der Roche Diabetes Care Deutschland, an. Es dürfe nicht jede Behandlungsmethode gleich vergütet werden, wenn eine mehr Nutzen für den Patienten habe als eine andere. Durch kontinuierliches Monitoring von Patientendaten könne die Versorgungsqualität gesteigert werden, da weniger effiziente Behandlungsmethoden ersetzt und so Zeit und Geld eingespart werden könnten. Die politischen Rahmenbedingungen und die Infrastruktur stellten jedoch die konstitutiven Grundlagen für einen langfristig unumgänglichen Paradigmenwechsel und Strukturwandel dar, den es zu gestalten gilt anstatt gestaltet zu werden.

Roche Diabetes Care wird sich in diesem Bereich weiter engagieren, interdisziplinäres Bindeglied sein und durch eigene Erfahrungen aus zahlreichen Pilotprojekten, laufenden Studien sowie eigenen Ideen für die zukünftige Ausgestaltung der digitalen Diabetesversorgung seinen Beitrag in den Diskussionen leisten.

1 Robert Koch-Institut (2012)